Israelsonntag erstmals in St. Nikolaus

Es ist schon etwas ungewöhnlich, wenn Fremde zu Freunden werden. So Pfarrer Martin Karras in seiner Begrüßung zum erstmals in der katholischen St. Nikolaus Pfarrkirche stattgefundenem Israel-sonntag.

Der Israelsonntag wird am zehnten Sonntag nach Trinitatis begangen, elf Wochen nach Pfingsten. Damit liegt er in zeitlicher Nähe zum 9. Tag des jüdischen Monats Aw, der der elfte Monat des bürgerlichen jüdischen Jahres und der fünfte des religiösen jüdischen Kalenders ist. Im gregorianischen Kalender in die Zeit von Juli und August. An diesem Tag wird im Judentum der Zerstörung sowohl des salomonischen Tempels durch die Babylonier 586 vor Christus als auch des herodianischen Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus gedacht.

Gemeinsam mit Pastorin Friederike Grote von St. Pankratius, Kirsten Fricke, evangelische Seelsorgerin in JVA Sehnde und Beauftrage für christliche jüdische Zusammenarbeit und Judith Rohde vom Arbeitskreis 9. November wurde dieser Tag mit einem ökumenischen Gottesdienst begangen. Dieser Sonntag soll uns an das nicht immer einfache Verhältnis des Christentums zum jüdischen Glauben erinnern. Aber auch an die Verbundenheit zwischen Christen und Juden, so Martin Karras. Daher freue er besonders auf die Predigt von Rabbinerin Ulrike Offenberg.

Den Altar zierten sieben Kerzen, die an die Verbundenheit von Christen und Juden in ihren Gottesdiensten erinnern sollten, so Judith Rohde, die diese Kerzen nacheinander entzündete. Wie z. B. das Alte Testament, die Liederbücher, die Musik während der Gottesdienste, die Gebete oder aber der Segen am Schluss eines jeden Gottesdienstes.

Ulrike Offenberg stellte die Frage, welche liturgische Farbe sollte der Israelsonntag eigentlich haben? Schwarz, Violett, Grün oder Rot! All diese Farben sind präsent, wenn christliche Gemeinden, zumal in ökumenischer Gemeinsamkeit, sich den Fragen des bisherigen und des zukünftigen Verhältnisses des Christentums zum Judentum stellen, so die Rabbinerin.

Grundlage ihres weiteren Predigttextes waren vier Verse des 8. Kapitels des Propheten Sacharjah. Sie bauen aufeinander auf und finden ihren Höhepunkt darin, dass die Völker der Welt den fortbestehenden Bund Gottes mit Israel anerkennen und bekräftigen, dass der Weg zum Heil nur mit Israel gemeinsam gegangen werden kann. Gott wird zu seinem Wohnsitz in Jerusalem zurückkehren und somit den Status der Stadt ändern. Sie wird zu einer Stadt der Wahrheit und der Heiligkeit. Mit der Rückführung des Volkes wird Gott seinen Bund mit Israel erneuern. Viele Völker und zahlreiche Nationen werden sich aufmachen nach Jerusalem, um diese Stadt des Friedens und der Wahrheit auch zu ihrem Zentrum zu machen. Hätte dieser Text nicht frühzeitig dazu benutzt werden können, um der Verachtung des Judentums durch die Kirche entgegenzuwirken, fragte Ulrike Offenberg Und hätte er nicht den in christlichen Staaten unterdrückten und verfolgten Juden ein Text der Hoffnung sein können? Die Zukunft jedoch sah anders aus. Vielmehr ließen Christen der militärischen Rückeroberung der Heiligen Stadt von den Muslimen grausame Massenmorde an den in Deutschland lebenden Juden vorangehen.

Sacharjah war ein Prophet und deshalb begabt, Dinge zu sehen, die unsereins nicht so offensichtlich sind. Doch er war nicht naiv, und er wirkte nicht losgelöst von der Realität. Sacharjah bedeutet „Gott erinnert sich“. Von dieser Gewissheit sind seine Visionen getragen. Und wir würden die Kraft dieser Worte übersehen, wenn wir sie lediglich als Weissagung für die Endzeit auffassen. Dafür enthalten sie doch zu viele Hinweise auf innerweltliches Geschehen. Gott wird diese Erlösung initiieren, aber ohne Mitwirkung der Menschen wird sie nicht vollendet werden. Denn die Aufforderung an die Menschen: „Redet Wahrheit einer zum andern, Wahrheit und Recht des Friedens sprecht in euren Toren“ ist eindeutig und nicht delegierbar.

Grundaussagen von 2000 Jahren christlicher Theologie umzukehren, so Ulrike Offenberg, ist ein gewaltiges Werk, aber würdig dem prophetischen Ruf eines, der „Gott erinnert sich“ genannt wird. Bei der Wahl der liturgischen Farbe für den Israelsonntag würde ich mich für die Farbe der Hoffnung entscheiden, denn allein Visionen für die Zukunft geben uns Kraft für das Handeln in der Gegenwart, bekennt eine erstmals in der St. Nikolaus Pfarrkirche predigte Rabbinerin.