Allerheiligen 2020

Predigt Allerheiligen 2020
Friederike Grote

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Allerheiligen-Gemeinde,

Moment - was ist das eigentlich? Eine Allerheiligen-Gemeinde?
Eine Gemeinde, die sich an Allerheiligen, also heute trifft, wie wir?
Oder eine Gemeinde aus Allen Heiligen,
also auch wir?

Sind wir alle Heilige?

Bei meiner Einführung in der St. Pankratius-Kirche am 4. November 2018, also vor fast genau zwei Jahren habe ich alle Anwesenden als „Liebe Heilige“, angesprochen, denn das sind wir, die Gemeinschaft der Heiligen, wie wir es im Glaubensbekenntnis sprechen.

Nun will heute nicht meine Einführungspredigt wiederholen.

Ich möchte erzählen, von Madeleine:

Es ist laut. Dort weint ein kleines Mädchen, hier ruft eine Mutter nach seinem Kind, hinten unterhalten sich einige lautstark und dort drüben fällt eine Kelle zu Boden. Madeleine mittendrin.

Sie rümpft die Nase. Die Suppe, deren Duft mit warmem Dampf aus den großen Töpfen steigt, riecht köstlich. Nur ist die Mischung mit den Ausdünstungen der vielen Menschen, die sich nicht jeden Tag waschen können, nicht so angenehm. Madeleine packt an.
Sie teilt Suppe aus an die, die hungrig sind!
-       ausgezerrte Gesichter, traurige Augen, dankbare Blicke, strahlendes Kinderlachen.
Madeleine wird auch in der Kleiderkammer gebraucht.
Die Hose des Jungen hat Hochwasser, die Beinchen sind schon ganz blau vom kalten Wind. Madeleine findet eine passende Hose, die wärmt.
Die Frau klappert mit den Zähnen, so kalt ist ihr. Sie hat keinen Mantel.Da kommt eine Frau, gut angezogen, und bringt ihren Wintermantel vom letzten Jahr in die Kleiderkammer. Sie hat einen neuen Mantel. Madeleine gibt ihn gleich weiter.

Ein Mann steht vor ihr. Er hat seine Arbeit verloren und ist verzweifelt. Was soll er bloß tun?Aufgerichtet geht er aus dem Gespräch mit Madeleine und hat ein paar Ideen und Adressen dabei.

Madeleine – eine Heilige?
Noch nicht ganz?
Madeleine Delbrel hat von 1904 bis 1964 in Frankreich gelebt. Sie wächst in einem atheistischen Elternhaus auf, erlebt als Kind den ersten Weltkrieg, studiert Philosophie an der Sorbonne in Paris und lernt dort ihren Mann und andere Christen und Christinnen kennen.
Sie fragt nach dem Sinn des Lebens und findet ihn in Gott, im Glauben.

 „Ich habe lesend und nachdenkend Gott gefunden. Aber betend habe ich geglaubt, dass Gott mich gefunden hat, dass er die lebendige Wahrheit ist, die man lieben kann, wie man eine Person liebt.“ (zitiert nach Christian Feldmann, Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler), so schreibt sie.

Sie leitet eine Pfadfinderinnengruppe, entdeckt mit den Mädchen zusammen, wie gut es tut, sich einzusetzen für die in Not. So macht sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin.
In Ivry einem Industrieort nahe Paris baut sie ein Beratungsnetzwerk auf und organisiert Hilfsdienste, Kantinen, Kleiderkammern, leitet schließlich den städtischen Sozialdienst. Gemeinsam mit anderen lebt und arbeitet sie in einer Gemeinschaft, kämpft friedlich gegen den Antisemitismus und Nationalsozialismus, arbeitet mit den Kommunisten zusammen, die in Ivry die politische Regierung bilden und steht der in den 40er Jahren gegründeten Bewegung „Mission de France“ nahe, der viele Priester und Ordensleute angehören. Sie lebt ihren Glauben mitten in der Welt.

„Was man bisher unter missionarischem Einsatz verstanden habe,“ schreibt sie, „sei eine Sonderwelt frommer Beschäftigungen gewesen, aber nicht das ganz normale Leben eines Christen unter ungläubigen Mitmenschen. Deshalb muss der scheinbar so banale Alltag von der Küchenarbeit bis zum Essen mit Freunden, vom Glauben geprägt sein, von einem liebenswürdigen, fröhlichen Glauben: einladend, nicht verbissen.“ (Zitiert nach Feldmann)

Madeleine – eine Heilige?
Noch nicht ganz?

Doch, Madeleine, eine Heilige, finde ich,
eine Heilige, weil sie sich einsetzt mit ihrer Liebe für die Menschen, die sie brauchen.
Eine Heilige, weil sie mit anderen zusammen Nächstenliebe übt, Caritas, mit anderen zusammen Gott und den Menschen dient, Diakonie.
Eine Heilige, weil sie gewaltfrei Widerstand leistet und sich für Gleichberechtigung und Frieden einsetzt.
Eine Heilige, weil sie ihren Glauben auch mit öffentlicher und politischer Dimension mitten in der Welt lebt.
Eine Heilige, weil sie Jesus nachfolgt und sich mit Menschen solidarisiert, von denen Jesus in den Seligpreisungen, die wir eben als Evangeliums-Lesung gehört haben, spricht.
Eine Heilige, weil sie aus Gottes Liebe Kraft zieht und bekennt, was uns im 1. Johannesbrief im 3. Kapitel überliefert ist:
„Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ (Einheitsübersetzung)

Madeleine – eine Heilige?
Ja, so wie viele Menschen, die sich einsetzen für andere, die in Gemeinschaft mit Gott leben,
die in Gemeinschaft mit anderen Menschen unseren Glauben leben.

Wir erleben Sie, diese Menschen, die in der Tafel Essen ausgeben, die für die Nachbarin einkaufen gehen, die Kindern bei den Hausaufgaben helfen, die dafür sorgen, dass in der Politik die Armen nicht vergessen werden, die mit jemandem zur Behörde gehen, dessen Deutsch dafür nicht ausreicht und die sich denen mit Worten und Taten entgegen stellen, die solche unfassbaren Attentate verüben, wie wir sie in den letzten Tagen und Wochen erleben mussten, in Paris, Lyon und gestern in Nizza.

Wir erleben diese Menschen und manchmal sind wir sie selbst, die Heiligen.
Madeleine – eine Heilige?
Ja - und doch noch nicht ganz, jedenfalls nicht im Sinne der vielen Menschen, die vom Papst heiliggesprochen wurden.
Das Verfahren zur Seligsprechung, dass der Heiligsprechung vorausgeht, ist 1993 also fast 30 Jahre nach dem Tod von Madeleine Delbrel von Papst Johannes-Paul II eröffnet worden, 2018 erkannte ihr Franziskus den „heroischen Tugendgrad zu und erhob Madeleine Delbrêl damit zur ehrwürdigen Dienerin Gottes“ (zitiert nach Wikipedia). Nun fehlt noch die Anerkennung eines ihrer Fürbitte zugesprochenen Wunder, um sie selig sprechen zu können und schließlich vielleicht heilig zu sprechen.

Für mich ist sie schon eine Heilige,
eine, die sicher viele Wunder vollbracht hat,
dadurch, dass sie Menschen Gott nahegebracht hat,
dadurch, dass sie vielen Menschen Lasten und Leid genommen hat,
dadurch, dass sie Gott mitten im Alltag erlebbar gemacht hat, durch ihre mutmachenden, wertschätzenden,
unkonventionellen und doch so verkündenden Worte,
wie diese:
„Jede kleine Unternehmung ist ein gewaltiges Ereignis, worin uns das Paradies geschenkt wird, das wir weiterschenken können. Egal, was wir zu tun haben: ob wir einen Besen oder einen Füllhalter halten. Reden oder stumm sind, etwas flicken oder einen Vortrag halten, einen Kranken pflegen oder auf einer Schreibmaschine hämmern. All das ist nur die Rinde einer herrlichen Realität, der Begegnung der Seele mit Gott in jeder neuen Minute.“
(zitiert nach Christian Feldmann)

Für mich ist Madeleine eine Heilige,
eine Heilige in der Gemeinschaft der vielen Heiligen,
ob sie nun heiliggesprochen sind oder nicht oder noch nicht.
Ihrer gedenken wir heute
und machen gleichzeitig Mut, selbst als Heilige zu leben und zu handeln, nach dem Vorbild Jesu, nach dem Vorbild von Mitmenschen, die aus dem Glauben an Gottes Liebe tätig geworden sind und Liebe geübt haben an anderen, die als Heilige leben in der Gemeinschaft aller Heiligen.
Als Heilige leben so menschlich wie wir eben sind, auch mit unseren Fehlern.

Hanns Dieter Hüsch, der Kabarettist und bekennende Christ, hat das in seiner unnachahmlichen Art so gut ausgedrückt in der Übertragung des 18. Psalm und wie ich finde, auch in der Auslegung der Verse aus dem 1. Johannesbrief, die wir schon als Lesung gehört haben:
„Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. (… Wir wissen, dass wir Gott (eigentlich ‚ihm‘) ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird. … Jeder der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie ‚Gott‘ (eigentlich ‚er‘) heilig ist.“) (Einheitsübersetzung)

So schließe ich meine Gedanken mit Psalmworten von Hanns Dieter Hüsch:

Die zu ihm gehören mit Leib und Seele,
die sind ihm ans Herz gewachsen.
Die seinen Worten folgen und sie in die Tat verwandeln,
sie spricht Gott heilig.
Die treu an ihm festhalten und ihn nicht loslassen,
sie sind seine Kinder.
Die seinen Geist in sich aufnehmen,
sie atmen neues Leben unter den vielen Kleingeistern.
Die sein Heil verkündigen
und Menschen heilen an Leib und Seele,
sie sind die wahren Heiligen.

Immer wieder hast du Menschen berufen
und sie in deinen Bann gezogen.Sie erfüllst du mit deiner Gegenwart
Und pflanzt sie als heilige Zeichen unter die Menschen.
Ja, so lässt du ihre Lichter leuchten
Und machst unsere Finsternis hell.
Ihrer lasst uns erinnern zu Allerheiligen.

Die zu ihm gehören mit Leib und Seele,
sie sind ihm heilig – alle, die Lebenden und die Toten.
Darum lasst uns Lichter entzünden auf ihren Gräbern.
Ihrer wollen wir gedenken.

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen,
darum brauche ich den Tod nicht zu fürchten.
Mit ihm werde ich erkennen:
Der Tod ist der Übergang in ein neues Leben.
Seine Wege sind auch meine Wege
Über den Tod hinaus.
            (zitiert nach Hüsch/Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz)

Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

                                    Amen.